Friedhofsturm Tramin

Ban Gigger draußen und die Kirchturmspitzen Tramins

Ich muss etwas klarstellen. In den Artikeln http://www.diewanderer.it/die-tulpen-von-tramin/ und http://www.diewanderer.it/fruehling-in-tramin-in-suedtirol/ hatte ich die Bezeichnung „Giggerblick“ verwendet als wäre es ein bekannter und gewachsener Flurnamen von Tramin. Wahrscheinlich, weil mir die Bezeichnung ziemlich geläufig ist. Komischerweise wissen die wenigsten Traminer wo sich der „Giggerblick“ befindet. Fragt man aber nach dem „Blick zum Gigger“ oder noch besser sagt man „ban Gigger draußen“ dann weiß der echte Traminer sofort was los ist. Auch mir persönlich fällt es nun wie Schuppen von den Augen. Neugierig? Weiter lesen!

Tramin ist zwar nicht ganz so reich an Kirchen wie die Herrgottskinder (Erklärung für unsere deutschen Urlaubsgäste: Herrgottskinder=Kalterer) aber auf 4 Stück kommen auch wir.

Nachdem ich voriges Jahr auf den Schwingen einer stählernen Libelle einen grandiosen Dolomitenrundflug erleben durfte, reizt es mich auch heuer wieder die Welt aus der Vogelperspektive zu betrachten. So schwinge ich mich auf den Rücken meines imaginären Adlers um mit ihm die höchsten Spitzen des Weindorfs Tramin zu erkunden.

Kirche zum Heiligen Mauritius in Söll

Söll mit Kirchlein zum Heiligen Mauritius

Söll mit Kirchlein zum Heiligen Mauritius

Von Norden nach Süden treffen wir zuerst auf die Kirchturmspitze des Kirchleins von Söll, die dem Heiligen Mauritius, Heerführer der Thebaischen Legion geweiht ist. Der Legende nach war die Thebaische Legion ein römisches Heer, deren Soldaten und Führer im 3. Jhd. alle den Märtyrertod erlitten hatten.

Auf der Spitze des Kirchturms hat man – wie bei vielen Gottestürmen üblich – eine goldene Kugel mit einem drauf sitzendem Kreuz angebracht; ein Kugelkreuz, welches die Herrschaft Jesu Christi über dem Erdball symbolisiert.

Im leichten Sinkflug fliegen wir über die Weinberge von Söll in Richtung Süden. Unter uns rauscht der gefesselte Höllentalbach von den Steilhängen des Mendelgebirges in die „Möser“ (=Felder) Tramins hinunter. Ups, höchste Eisenbahn etwas an Höhe zu gewinnen. Die Jakobskirche steht nämlich steil über uns auf dem aussichtsreichen Weinberg Kastelaz.

Kirche St. Jakob in St. Jakob auf dem Kastelaz Hügel

Kirche St. Jakob bei Tramin

Kirche St. Jakob bei Tramin

Flügelschlag um Flügelschlag, Meter um Meter kämpft sich mein immaginärer Adler empor und muss dann beim Überfliegen der Kirchturmspitze aufpassen, dass wir nicht mit dem Kugelkreuz vom St. Jakobskirchlein zusammenprallen. Mit einem wunderbaren 360 Grad Blick werden wir belohnt. Das Kirchlein St. Jakob wurde im13. Jahrhundert auf den Resten einer antiken römischen Kultstätte, zu Ehren der Göttin Isis, erbaut.

Fresken St. Jakob

Fresken St. Jakob – dargestellt sind sogenante Bestiarien, Mischwesen halb Tier halb Mensch

Hätten wir einen Röntgenblick könnten wir im Inneren der Kirche den romanischen Freskenzyklus aus der Zeit um 1220 bewundern. Mischwesen halb Mensch, halb Tier, sogenannte Bestiarien schmücken die Wand des Altarraumes.

Da mein Adler nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen ist kann er der goldenen Kugel auf der Kirchturmspitze des Jakobskirchleins geschickt ausweichen und so gleiten wir nun an den Südosthängen des Kastelatz Weinberges, wiederum im leichten Sinkflug, auf den mächtigen gotischen Turm vor uns zu.

Quiricus und Julitta Pfarrkirche Tramin

Kirchturm Tramin

Glockenstuhl Kirchturm Tramin

Eine Ohren betäubende, trotzdem wohl klingende, Schallwelle stoßt uns aus der Flugbahn. Die große Wetterwolke Sankt Maria Anna, gegossen im Jahre 1726, Duchmesser 159,2 cm, Gewicht 2,750 kg hat zum Gebet angesetzt und tönt uns mit ihren lieblich aber gewaltigen Stimme entgegen:

„St. Maria Anna heiß ich, Schön bin ich, das weiß ich, Im Traminer Turm bleib ich, Die schiechen Wetter vertreib ich.“

Natürlich spricht Frau Maria Anna nur Traminer Dialekt darum hier die Übersetzung für unsere Urlaubsgäste:

St. Maria Anna heiße ich, schön bin ich, das weiß ich, im Traminer Turm wohne ich, die schlechten Wetter vertreibe ich.

Höhenmäßig haben wir nur die Höhe des Glockenstuhls erreicht, darum müssen wir noch einige Runden um den gewaltigen gotischen Turm mit seinem Achteckhelm herum einen Steigflug einleiten, um die in ganz Tirol höchste gemauerte Kirchturmspitze, flugtechnisch zu erklimmen. Ganz alleine sind wir dabei nicht, den drachenartige Wasserspucker aus Stein beobachten uns mit Argusaugen.

Kirchturmspitze Pfarrkirche Tramin mit Tramienr Wappen

Kirchturmspitze Pfarrkirche Tramin mit Tramienr Wappen

Der Mühen Lohn ein in Gold funkelden Stern der von einem freundlichen Halbmond flankiert wird. Selbstverständlich haben die stolzen Traminer ihr Wappen auf ihr höchstes Bauwerk gesetzt. Wer kann es Ihnen verdenken, dass sie dieses Meisterwerk der Baukunst mit ihrem Kennzeichen brandmarken wollen.

Unter uns die Dächer des Weindorfs Tramin. Die Hans-Feur-Straße, welche am Fuße des Kastelaz Hügels, die geografische Ausdehnung des Dorfes bestimmt weist uns den Weg gen Süden. Der nächste Kirchturm liegt wiederum exakt in unserer Flugrichtung, wir können gemütlich im Sinkflug die funkelnde Spitze anpeilen. Rund um der Kirche alles rote Lichtlein. Aha, der spätromanische Kirchturm gehört zur Friedhofskirche, die dem Heiligen Valentin geweint ist.

Traminer Friedhofskirche zum Heiligen Valentin

Friedhof Tramin

Friedhof Tramin

Im Banne der roten Kerzenlichter am Boden, schreckt uns das laute Kickeriggi aus unseren Gedanken. Was ist das? Ein goldener Gockel hat die Turmspitze der Friedhofskirche in Beschlag genommen. Der Gigger passt nicht so ganz zur Umgebung am Boden, denn er dreht sich fröhlich im Wind. Ein Wetterhahn schmückt die Spitze der Kirche am Traminer Friedhof.

Jetzt wird der aufmerksamen Leser wissen, was es bedeutet wenn ein Traminer sagt: „wenn i amol ban Gigger draußen lieg…“

St. Josef Kirche in Rungg

Drei Spitzen haben wir schon passiert, die letzte verlangt uns noch eine kurze Anstrengung ab. Flügelschlag um Flügelschlag geht es hinauf nach Rungg um die letzte Kirche Tramins, die neuromanische St. Josef Kirche zu besuchen. Der rote Spitzhelm des Kirchturm trägt wie die Türme von Söll und St. Jakob ein Kugelkreuz.

Besonders hoch oder besonders auffällig ist der Turm nicht, darum sticht uns leicht rechts hinter uns etwas anderes ins Auge.

Schwarzgelb flattert es inmitten der Weinberge. Unsere Neugierde ist geweckt. In einer 135 Grad Kurve biegen wir scharf rechts ab und kämpfen uns den Aufwind nutzend in Richtung Weinberg-Waldgrenze nach oben.

Giggerblick

Giggerblick - im Tulpenreich über Rung bei Tramin

Giggerblick – im Tulpenreich über Rung bei Tramin

Ein Weinberg sticht hervor! Bunt wie zu Karneval erblühen zwischen den jugen Spalierreben tausende farbenprächtige Tulpen. Mitten drin in der recht steilen Hanglage ein Weinberghäuschen mit einer hübschen Veranda. Das schwarzgelbe Flattern kommt von einem Doppeladler. Ein kaiserlicher schwarzer Adler mit zwei Köpfen auf schwarzgelben Hintergrund, aufgezogen auf einer weißgelben Fahnenstange bewacht das Tulpenreich.

Giggerblick: Blick auf den Traminer Friedhof bei Nacht

Giggerblick: Blick auf den Traminer Friedhof bei Nacht

Wir lassen uns in seinem Schatten auf dem Geländer der Veranda nieder. Giggerblick steht über der Tür des Gartenhäuschens. Zwar sehen wir von hier aus alle vier Kirchtürme Tramins, aber die Friedhofskirche ist die nahe liegenste. Und wer einen Adlerblick hat, der kann auf ihrem Turm den goldenen Gigger (=Hahn) erblicken.

Fotos Kirchturmspitzen Tramins

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